• Anna Pribil

Ein gesundes Leben für alle innerhalb der planetaren Grenzen - Das Doughnut-Modell

Im Lancet, eines der ältesten und renommiertesten medizinischen Fachjournale, ist ein sehr spannender Artikel erschienen: "A Doughnut for the Anthropocene: humanity's compass in the 21st century"


Darin wurde ein neues Modell entwickelt, welches einen möglichen Weg für ein gesundes Leben der Menschen innerhalb der planetaren Grenzen aufzeigen soll. Dabei geht es auch darum das Überleben der Menschheit zu sichern. Denn wenn sich die Erderhitzung fortsetzt und irreversible Kippunkte überschritten werden, verändern sich die Lebensbedingungen so drastisch, dass es keine gute Lebensgrundlage mehr geben wird. Das Holozän ist das einzige Erdzeitalter in dem sich die Menschheit entwickeln konnte. Also sollten wir versuchen diese Bedingungen so gut es geht beizubehalten.


Doch wir verbrauchen zu viele Ressourcen und emittieren zu viele Treibhausgase, sodass unterschiedliche Systeme auf dem Planeten zerstört werden. Im Jahr 2020 war der Earth Overshoot Day am 22. August und wir verbrauchten 1,6 Planeten, wir haben aber nur einen. Und das obwohl immer noch sehr viele Menschen unter den Minimalstandards leben. Viele sind schlecht oder unterernährt oder sterben sogar noch an Hunger. Es braucht also mehr soziale Gerechtigkeit. Das wird dann bewusst, wenn man sich Österreichs Overshoot Day ansieht, denn der war 2020 bereits am 9. April und wird immer noch früher. Wir verbrauchen also durch unseren Lebensstil gerade nicht nur Ressourcen von zukünftigen Generationen, sondern auch von Menschen, die im Globalen Süden leben. Der Doughnut soll einen Anhaltspunkt geben, wie ein gutes Leben für alle Menschen unter Einhaltung der planetaren Grenzen möglich sein soll. Dieser stellt graphisch die Notstände, welche es auf der Erde derzeit gibt, dar.


Abbildung 1: Grün eingezeichnet sind die planetaren Grenzen, innerhalb derer ein gutes Leben für alle Menschenmöglich wäre. Rot eingezeichnet sieht man Defizite in der sozialen Verantwortung und das Überschreiten von ökologischen Grenzen (Raworth, 2017).


Es gibt zwei Ringe. Der innere Ring zeigt die Sozialen Grundlagen, die es für ein „Gutes Leben“ unbedingt braucht, wenn diese nicht gegeben sind, leiden Menschen an Hunger, Krankheit, haben schlechte oder keine Bildung (Analphabetismus), zu wenig Energie zur Verfügung, etc.. Die zwölf Dimensionen dieses inneren Rings leiten sich von den SDG’s ab. Der äußere Ring beschreibt die ökologischen Grenzen. Durch das Überschreiten dieser Grenzen kommt es zur Klimakrise, Versauerung der Meere, Luftverschmutzung, einem Biodiversitätsverlust etc. Dieser Ring besteht aus neun Dimensionen. Würden wir uns innerhalb dieser beiden Ringe bewegen, wäre ein gutes Leben für alle innerhalb der planetaren Grenzen möglich. Hier könnte die Menschheit also gut gedeihen. Derzeit aber müssen Millionen von Menschen so leben, dass sie sich unter der sozialen Grundlage befinden (unter den Mindeststandards, die international festgelegt wurden, was Ernährung, Gesundheit, Einkommen und Energie betrifft). Zur selben Zeit haben wir bereits vier der neun planetaren Grenzen überschritten (Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Landnutzung, Stickstoff und Phosphor Belastung).


Spannend wird es nun wie man es schafft, dass sich alle Menschen zwischen diesen beiden Ringen einpendeln. Diese Lösungsorientierung fehlt mir in dem Artikel ein bisschen. Was muss sich konkret ändern und wie sieht der Weg dorthin aus? Wird sich das System soweit verändern können, dass sich irgendwann alle Menschen innerhalb der beiden Ringe befinden? Was genau muss sich eigentlich ändern? Dazu habe ich vor kurzem einen spannenden Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech gehört, der sich mit der Postwachstums-Ökonomie beschäftigt. Durchschnittlich verbraucht ein Mensch in Deutschland pro Jahr 12 Tonnen CO2, doch jedem Menschen steht eigentlich nur 1 Tonne CO2 pro Jahr zu. Es wird um die Frage gehen müssen: Welche Freiheiten darf sich ein Individuum noch nehmen, wenn es damit großen ökologischen und sozialen Schaden verursacht? Eine einzige Flugreise nach Australien (Hin und Retour für 1 Person) verursacht z.B. ca. 12 Tonnen CO2 Äquivalente (berechnet mit atmosfair). Doch das ganze System wird sich ändern müssen und man kann die Verantwortung auch nicht immer auf den Einzelnen abwälzen.


Werden wir den Hyperkapitalismus hin zu einer Kreislaufwirtschaft verändern können? Dazu braucht es einen kompletten gesellschaftlichen Wertewandel. Derzeit geht es zwar immer mehr in Richtung grünes Wachstum und es wird sehr viel Hoffnung in neue Technologie gesetzt. Doch meiner Meinung nach ist auch grünes Wachstum nicht die Lösung. Eine komplette Entkoppelung der Emissionen vom Wirtschaftswachstum ist in meinen Augen unmöglich. Wenn die Wirtschaft weiterwächst, wachsen auch die Emissionen. Eine Reduktion ist denkbar, aber keine vollständige Entkoppelung. Es braucht dazu große Entscheidungen von Akteur*innen in Politik und Wirtschaft. Doch um den gesellschaftlichen Wandel zu vollziehen, braucht es auch wieder jeden Einzelnen. In einer aktuellen Studie von Costa et al. (2021) wurde berechnet, dass Lebensstilveränderungen von Individuen in Summe 20% der gesamten erforderlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen, die es bis 2050 für Netto-Null Emissionen in der EU bräuchte, ausmachen. Das ist gar nicht so wenig. Durch Verhaltensänderungen und Nutzen der vorhandenen Technologie, könnte die Begrenzung auf 1,5 Grad sogar bis 2040 geschafft werden. Das zeigt, dass Individuen eben doch einen gar nicht unwesentlichen Teil beitragen können.


Eine Empfehlung für einen Teilbereich, um aus diesen multiplen Krisen herauszukommen, gibt es bereits, ebenfalls von The Lancet „The Planetary Health Diet“. Hier wird eine vorwiegend pflanzenbasierte Ernährung empfohlen. Einen winzigen Bruchteil machen nur noch tierische Produkte aus. Denn intensive Landwirtschaft (vor allem Nutztierhaltung) und Fischzucht bzw. Wildfang tragen einen großen Teil zu Umweltverschmutzung, Biodiversitätsverlust und Klimakrise bei.


Für mich ist es noch unklar, wie man möglichst viele Menschen erreichen kann und sie dazu bringen kann, ihr Leben zu verändern. Meiner Meinung nach wird es sowohl Top-Down (Politik und Wirtschaft) als auch Bottom-Up Prozesse brauchen um den benötigten gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen.


Und ich bin mir sicher, dass es auch noch viel mehr Inter- und Transdisziplinarität braucht, denn die Lösung dieses komplexen Problems liegt in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Forschungsdisziplinen. So braucht es zum Beispiel Ernährungswissenschaft und Medizin, um zu zeigen, wie eine ausgewogene gesunde Ernährung für alle Menschen aussehen sollte, die Agrarwissenschaft, die dazu beitragen kann, möglichst viele hochwertige Lebensmittel zu produzieren. Es braucht neue technische Errungenschaften, um Emissionen einzusparen. Es braucht die Psychologie um zu eruieren, wie man Menschen dazu bringt ihr Verhalten zu verändern und die Motivation aufzubringen, diese Verhaltensänderungen auch langfristig beizubehalten. Und noch viele andere Disziplinen, die alle zusammenarbeiten müssen um das Ziel eines guten und gesunden Lebens innerhalb der planetaren Grenzen für alle Menschen zu ermöglichen.



Quellen:



  • Costa, L., Moreau, V., Thurm, B., Yu, W., Clora, F., Baudry, G., ... & Kropp, J. P. (2021). The decarbonisation of Europe powered by lifestyle changes. Environmental Research Letters, 16(4), 044057. Abgerufen am 03.05. 2021 von https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/abe890


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